Jacq Dorn

Crianza


Es gibt Künstler, die beehren uns im Halbjahrestakt mit neuen Zwischenständen ihrer Arbeit. Und dann gibt es solche, die debütieren mit nicht weniger als ihrem Lebenswerk. Auf „Crianza“, das Debütalbum als Solokünstler des deutschen Gitarristen und Komponisten Jacq Dorn, trifft das unbedingt zu, denn die Geschichte dieser ungewöhnlichen CD begann vor mehr als 20 Jahren. Wenn man so will, spiegelt sie die gesamte bisherige Entwicklung des 45-Jährigen.


Die Musik auf „Crianza“ ist im besten Sinne des Wortes klassische Gitarrenmusik, sofern man sich die Freiheit nehmen möchte, Klassik nicht im 19. Jahrhundert und früher zu verorten. Eine Konzertgitarre-sowohl Solo als auch im Dialog mit einem Orchester. Doch es ist nicht jene hermetische Art von Klassik, die sich auf dem Elfenbeinturm der Hochkultur verschanzt, sondern ein lebendiges Musizieren mit zahlreichen bewussten Einflüssen aus anderen Genres und mannigfachen Bereichen der Lebenserfahrung. Die Entstehung der Kompositionen von Anfang bis heute war für Jacq Dorn ein Prozess des Lernens. Die einzelnen Stücke auf der CD haben sich über lange Strecken entwickelt, an Sinn und Form angereichert und sind über die Jahre mit der Persönlichkeit ihres Schöpfers gewachsen. Sie sind Ausdruck eines permanenten Ringens um Form, das mit dieser Produktion auch noch lange nicht abgeschlossen ist.


Nach über zwanzig Jahren der Suche war es nun endlich an der Zeit für eine Zäsur. „Es war mir wichtig, nicht nur meine kompositorische, sondern auch meine gitarristische Entwicklung zum Ausdruck zu bringen“, rekapituliert Dorn. „Am Anfang hat man nicht unbedingt ein eigenes Profil, man wird auch nicht zwingend wiedererkannt. Du bist einer von vielen, es fehlt dir an Technik, Selbstsicherheit, Ausdruck und Kraft. All das muss sich formen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich als eigenständiger Gitarrist und Persönlichkeit an dem Platz wiederfinde, den ich für angemessen halte. Ich weiß nicht nur genau, was ich will, sondern ebenso, was ich definitiv nicht will.“


Dorn genießt künstlerische Unabhängigkeit. Er steht voll und ganz im Dienst seiner eigenen Musik und hat nicht den Druck, Aufträge erfüllen zu müssen. Diese Freiheit erfordert den Mut herauszufinden, wer er selbst ist, denn er kann sich nicht hinter den Anforderungen eines potenziellen Auftraggebers verstecken. Doch diesen Mut empfindet er als Privileg. „Ich habe den Luxus schreiben zu können, wie und wann ich es wirklich möchte. Für mich muss in jeder Komposition eine wesentliche und für mich genau identifizierbare musikalische Keimzelle stecken. Zum Beispiel ein Thema, das für mich persönlich das Potenzial hat, um etwas Eigenständiges daraus zu formen, auch wenn es nicht neu im Sinne der Neuen Musik ist. Wie ein Mensch, der mit allen Menschen bestimmte physiognomische Gemeinsamkeiten teilt, und doch anders aussieht. So war das bei jedem dieser Stücke. DUR und MOLL sind ja keine neuen Prinzipien.“


Jacq Dorn spielt ganz bewusst mit Bekanntem und Vertrautem, weil er den Hörer darin abholen kann. Er reitet nicht auf Klischees herum, integriert diese aber auf subtile Weise in sein musikalisches Interieur, sodass das Ohr sich darin niederlassen und ausbreiten kann. Mit seinen Kompositionen stellt sich Dorn jener Intellektualisierung und Entemotionalisierung entgegen, die dem Hörer heute nur allzu oft aufgezwungen wird. „Ich trenne meine Gefühle nicht vom Intellekt, denn diese Trennung läuft oft auf Beliebigkeit hinaus. Die Tonhöhe ist für mich immer noch eines der wichtigsten Parameter. Bachs Musik war von ungeheurer Komplexität, aber sie war eben immer noch emotional. Meine Musik ist nicht frei von Gemeinplätzen, aber ich versuche diese nicht einfach aneinanderzureihen, sondern versehe sie mit derart individuellen Details, dass sie sich positiv vom Klischee abheben.“


Jacq Dorn polarisiert nicht zwischen Intellekt und Emotion, sondern er setzt auf die Zwischentöne von rationalen Gefühlen und emotionalem Intellekt. Aus diesem Grund muss er auch nie die Entscheidung treffen, ob er sich im Dialog von Orchester und Gitarre auf seine Virtuosität konzentriert oder diese besser zugunsten des Erzählstrangs vernachlässigt. Er ist selbstbewusst und weiß seine Mittel – zum Beispiel sein hoch kultiviertes Tremolo und ein berührendes Vibrato – ebenso gezielt wie pointiert einzusetzen, aber jede Form von Eitelkeit bleibt in der Musik außen vor. Eine wichtige Inspirationsquelle ist für ihn der Flamenco. Einige seiner rasanten Läufe sind unüberhörbar vom Flamenco inspiriert. Da verlässt er die antiseptische Klangwelt der Klassik zugunsten einer wesentlich dreckigeren Ästhetik. „Meine Gitarre muss nicht immer nur in bester abendländischer Tonkultur samtig kommen, sondern darf auch mal ächzen, rotzen und knarren. Ich habe in den Aufnahmen bewusst einige Takes gelassen, die vielleicht nicht die saubersten waren, die mir aber im Ausdruck entsprachen.“


Neben dem Flamenco-Einfluss macht sich auch die Erfahrung mit den Erzählstrukturen des Rock in Dorns Musik bemerkbar. Es geht dem Sohn kroatischer Einwanderer zu keinem Zeitpunkt um das rein Ästhetische. Das Ohr muss nicht, wie in der Klassik üblich, zur Musik finden, sondern Dorn geht, wie in aktuellen Formen der populären Musik an der Tagesordnung, mit seinen Klängen zum Hörer. Das schafft eine emotionale Direktheit des Zugangs, die für Klassik eher untypisch ist. In eine Gastarbeiterfamilie hineingeboren und in der Industriestadt Sindelfingen aufgewachsen, hat Dorn verhältnismäßig spät zur Musik gefunden. Klassik stand nicht auf dem musikalischen Speiseplan seines Elternhauses. In seiner Jugend mit Deep Purple, Jimi Hendrix und den Rolling Stones sozialisiert, brachte er sich mit 16 autodidaktisch das Spiel auf der elektrischen Gitarre bei. Das Violinkonzert von Beethoven brachte ihn immer noch als Autodidakt zur Klassik. Von Zeit zu Zeit greift er auch heute noch zur E-Gitarre, aber auch in seiner klassisch gefärbten Gitarrenmusik fließen beide Erzählweisen zusammen. Sein Lieblingsgitarrist ist Ritchie Blackmore, und wenn man ganz genau hinhört, kann man Spurenelemente des einstigen Deep-Purple-Helden in Dorns Musik wahrnehmen.


Der Albumtitel „Crianza“ bezieht sich auf einen spanischen Wein, der mindestens ein Jahr lang in einem Eichenfass gelagert wurde. Dieser Wein beschreibt genau die beiden Koordinaten, zwischen denen sich Jacq Dorn bewegt. Der Wein selbst steht für das Neue, das er zum Ausdruck bringen will, die Eichenfässer für seine Herkunft in der klassischen Musik und verschiedene Spieltraditionen der klassischen Gitarre. Und das Buket fasst all die anderen Einflüsse zusammen, die sich wie ein Bündel von Hintergrundsounds in Dorns Musik niederlegen. Alles Neue ist stets im Alten grundiert und braucht selbst in der Kürze der Zeit eine Phase der Reife, um sich in sich selbst zu vollenden.     


Jacq Dorn ist auf radikale Weise unradikal. Stilistische Vielfalt und geistige Flexibilität sind seine Alleinstellungsmerkmale. Er mag sich nicht zwischen einem klassischen Gitarrenstück, einer AC/DC-Nummer, einem Flamenco oder einem slawischen Volkslied aufstellen müssen. Seine Musik auf „Crianza“ ist deshalb so authentisch, weil sie so lebensnah ist.